vom Werden und vom Sein

Einblick in die Hintergründe zur Serie


Die Serie „vom Werden und vom Sein“ ist in einer Übergangszeit entstanden. Zuerst interessierte mich der Wandel von einem Zustand zum anderen. Schnell stellte ich fest, dass ich mich fühlte, als müsste ich wählen: Werden oder Sein. Unterwegs sein oder ankommen. Als gäbe es einen Moment, in dem der Prozess endet und etwas „fertig“ ist.

So verlagerte sich mein Interesse hin zu dem Zustand, in dem beides gleichzeitig geschieht: Gleichzeitigkeit.

Ausschlaggebend dafür war das Material für die erste Skulptur: ein altes Grabmal, das ich geschenkt bekommen hatte. Ich spaltete den Stein, um ein Stück in passender Größe zu gewinnen. Dabei ging der Bruch durch die Inschrift, sodass sich die Identität der Person und auch die Relation der Zeiten auflöste.


Als ich mit der Arbeit an der Form begann, berührte mich ein Teil der Inschrift: das Datum, genauer gesagt die Jahreszahl 1984. Sie ist für mich persönlich bedeutsam. Und so entschied ich, sie wenigstens in Fragmenten zu erhalten - wie eine Spur, die zeigt, dass Losgehen und Loslassen gleichzeitig geschehen kann. Und dass Vergangenheit nicht verschwindet, nur weil sich etwas verändert. Sie bleibt als Schicht, als Echo, als losgelöstes Fragment. Die Perspektive war nun: Das Vorher ist da, aber es führt nicht mehr. Es wird Teil der Gegenwart, ohne sie zu bestimmen.

So wurde das, was sichtbar bleiben darf, zum zentralen Aspekt der Serie. Alle drei Skulpturen tragen etwas aus einem vorherigen Zustand in sich, und ich habe diese Spuren bewusst stehen lassen.


Bei „los und lassen“ ist es besonders deutlich: Feine Fragmente der Inschrift sind erhalten geblieben – nicht als lesbare Botschaft, sondern als flüchtige Erinnerung daran, dass dieser Stein schon eine andere Form, eine andere Funktion, eine andere Zeit hatte.


Bei „häuten“ und „eigen Sinn“ ist die Form insgesamt durchgearbeitet und fein geschliffen – und trotzdem gibt es Stellen, an denen das Material nicht „vollendet“ wirkt: Bruchkanten oder Flächen, die sich in Färbung und Oberfläche vom Rest unterscheiden, weil es sogenannte Krustenstücke sind. Sie wirken wie ein Überbleibsel, wie eine Schicht, die nicht komplett abgetragen wurde.

Diese Stellen sind für mich keine dekorativen „Effekte“. Sie sind auch kein bewusst gesetzter Kontrast, damit es interessanter aussieht. Sie sind eine Entscheidung gegen ein Ideal: gegen die Vorstellung, dass eine Form nur dann vollendet ist, wenn sie glatt, homogen und „makellos“ ist.

Ich erlebe es umgekehrt. Oft entsteht etwas Stimmiges gerade dort, wo Integration stattgefunden hat. Wo Spuren nicht stören, sondern erzählen, woraus etwas wirklich geworden ist.

„Werden“ bedeutet hier nicht: alles Alte abstreifen und dann völlig neu anfangen. Es bedeutet: Etwas verändert sich und trägt etwas Prägendes weiter. Und „Sein“ bedeutet nicht: perfekte Oberfläche. Es bedeutet: da sein mit allem, was ist.

Wenn ich die drei Skulpturen betrachte, sehe ich Körper, die eine Bewegung in sich tragen: ein leichtes Kippen, ein Öffnen, eine Drehung, ein Ansetzen. Und gleichzeitig sind sie in einer ruhigen Präsenz ganz da. Nicht unsicher, nicht „auf halbem Weg“, sondern einfach da. Genau diese Spannung ist eine besondere Qualität.

Ausstellungsansicht “Feine Tektonik”, mit Edda Jachens in der Wendelinskapelle Weil der Stadt, 2024

Mit der Zeit hat sich mein Blick verschoben. Ich frage weniger: Was ist hier Werden, was ist Sein?
Und mehr: Was ist hier anwesend?

Denn bei einem Material wie Stein wird die Trennung irgendwann absurd. Ein Stein ist nicht „fertig“ oder „unfertig“. Stein bringt Zeit mit: Verdichtung, Beständigkeit und Veränderung, Geduld. Etwas, das sich nicht beschleunigen lässt. Und gleichzeitig kann Stein eine erstaunliche Leichtigkeit zulassen: eine Geste, einen Schwung, ein „Im Begriff sein“.

Vielleicht ist das eine der stärksten Metaphern, die Stein anbietet: Er ist jahrmillionenalt und durch so viele Verwandlungen gegangen, dass sich kaum trennen lässt, was hier Werden und was Sein sein soll. Was bleibt da noch übrig?

Für mich ist es die Präsenz. Eine Zeitlosigkeit, die nicht zeitfrei ist, sondern zeitvoll. Gegenwart, die Geschichte einschließt. Sie ist da im Stein: in den Schichtungen, in der Dichte, in der Brüchigkeit, in der Oberfläche.

So wird der Stein in dieser Serie kein Hintergrund, sondern Teil des Themas: diese Gleichzeitigkeit von Zeit und Moment. Von Vorher und Jetzt.
Von Durcharbeiten und Stehenlassen.

Und vielleicht berührt uns das, weil wir selbst so sind. Auch wenn wir es uns manchmal anders erzählen: wir müssten erst „fertig werden“, bevor wir da sein dürfen.

Ich wünsche mir nicht, dass man diese Arbeiten „versteht“. Ich wünsche mir eher, dass sie auf ihre stille Weise etwas öffnen.
Vielleicht einen anderen Blick auf Übergänge. Vielleicht einen milderen Blick auf Spuren. Vielleicht die Erfahrung, dass Ruhe nicht Stillstand ist.

Und vielleicht eine einfache Frage:
• Was bleibt in mir, während sich etwas verändert?
• Was wird möglich, wenn ich nicht alles festhalten muss?
• Welche Spuren würde ich nicht mehr wegmachen, sondern stehen lassen?

Wenn Werden und Sein gleichzeitig sein dürfen, entsteht ein anderer Raum.
Einer, in dem nichts beschleunigt werden muss. Und in dem Präsenz nicht der Endpunkt ist,
sondern die klare, ruhige Form von Bewegung.

 

 

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